3-abt-rhabanus-bei-der-predigtLiebe Schwestern und Brüder,
wenn uns die Kirche zu nächtlicher Stunde zusammenruft und wenn wir zu so später Stunde miteinander singen und beten und Eucharistie feiern, dann hat das immer einen besonderen Grund. Dann gilt es etwas Besonderes zu feiern und ein heilsgeschichtliches Ereignis in den Blick zu nehmen, es zu ergründen und auf unser Leben hin zu deuten. So auch heute Nacht, in dieser Stunde, da wir zum Festgottesdienst versammelt sind und Weihnachten feiern.
Aber da stellt sich uns Menschen des 21.Jahrhunderts schon eine erste Frage, denn das ist ja nicht mehr selbstverständlich: Was bedeutet dieses Fest eigentlich? Was ist der innerste Kern, das Zentrum, das Wesentliche? So vieles überlagert diese Nacht und diese Tage der Weihnachtszeit. Was also ist Weihnachten?
Die Antworten sind sehr verschieden. Manche sagen: Weihnachten – das ist ein Fest der Liebe! Ein Fest der Geschenke! Wieder andere meinen: Weihnachten – das ist ein Fest für die Familie! Das ist ein Fest des Friedens! – Gewiss, das alles ist nicht falsch und es ist ja auch wichtig, dass wir der Liebe Ausdruck verleihen, dass wir in der Familie beisammen sind und spüren, wie sehr wir einander mögen und gern und lieb haben, wie sehr wir einander brauchen und aufeinander verwiesen sind. Ebenso wichtig ist es auch, dass wir einander etwas Gutes tun und einander beschenken und dass dieses Fest in uns die Sehnsucht nach Frieden weckt und wach hält. Und nicht zuletzt – dass uns dieses Fest letztlich beauftragt, dem Frieden den Boden zu bereiten. Aber das alles, meine lieben Schwestern und Brüder – das alles ist noch nicht Weihnachten. Oder sagen wir es so: das alles sind wundervolle Blüten, die aus dem Wurzelstock des Weihnachtsfestes erwachsen – aber der Kern dieser Nacht, das Wesentliche dieser Stunde – es ist etwas anderes, etwas, was nicht wir Menschen gemacht oder erdacht hätten. Nein, was wir heute Nacht feiern, das ist göttlichen Ursprungs und darum heilig und ehrfurchtgebietend. Und es ist derart, dass es unser Leben verwandeln und erneuern kann. Darum meint Weihnachten, in wenige Worte gefasst, eben dieses:

Gott wird Mensch!

Gott, der so groß ist, dass ich ihn nicht bis ins Letzte denken kann, weil er all meine Denkkapazität übersteigt – ebendieser Gott - ER wird Mensch, offenbart sich im Kind.
Und das, meine liebe Schwestern und Brüder, lässt sich nicht in Formen und Formeln des Verstandes einfassen. Das übersteigt letztlich unser Denkvermögen, aber das Herz, das gläubige Herz – es lässt sich berühren und vom Geheimnis dieser Nacht anrühren, weil ja „das Herz Gründe hat, die die Vernunft nicht kennt“ (Blaise Pascal).
Weihnachten – Gott wird Mensch! Und das hat einen ganz tiefen Sinn, der Heil schenkt und Ermutigung ist und uns existentiell berührt. ER wird Mensch, um uns auf dem Weg unserer Menschwerdung zu helfen. „Mach’s wie Gott – werde Mensch!“
Und daraus erwächst eine zweite Frage in dieser Stunde – nämlich diese: Bist du bereit, diesen Weg der Menschwerdung zu gehen? Bist du bereit, dich auf dieses Kind einzulassen und auf das, was es einst verkünden wird? Bist du bereit? Dieser Weg ist nicht leicht, dieser Weg ist steinig und schwer. Denn er hat wesentlich damit zu tun, dass ich mich im Spiegel seiner Botschaft betrachte, mich von ihm her verstehe und mich von ihm formen und prägen lasse.
Natürlich werden wir in diesem Moment auch unserer Schatten bewusst; und unserer Wunden und Schrammen, die wir alle haben; auch unserer Schwächen und unserer Schuld. Kürzlich hat Papst Franziskus sehr offen gesprochen und die Wunden der Kurie benannt. Und er selbst ist ein Mensch, der um seine Schatten weiß und daraus keinen Hehl macht. Er ist einer von uns und mit uns.
Deshalb ist es gut, jetzt einmal auf das Kind in der Krippe zu schauen. Da liegt es auf Stroh gebettet – und in seiner Haltung wird ein Wesenszug Gottes sichtbar: Das Kind breitet die Arme aus, es heißt uns willkommen und in dieser Haltung lässt uns dieses göttliche Kind wissen:
Du, Mensch, du darfst zu mir kommen! Und später wird dieses Kind sagen: Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid.
Weihnachten – das ist das Fest der Menschwerdung Gottes und das Fest, das uns auf den Weg unserer Menschwerdung ruft und uns dazu ermutigt. Das ist eine wesentliche Seite der Weihnacht.
Liebe Schwestern und Brüder, es geht in dieser Heiligen Nacht aber nicht nur um uns. Das ist zwar wichtig, aber es wäre zu wenig. Schauen wir mit unserem geistigen Auge abschließend noch kurz an unseren Globus. Nicht überall herrscht Frieden und Sicherheit. Ganz im Gegenteil – unzählige Menschen sind jetzt auf der Flucht vor Krieg und Terror. Und viele von ihnen haben nicht nur Hab und Gut hinter sich gelassen. Viele haben auch liebe Menschen verloren, Angehörige, Freunde. Sie sind traumatisiert und ihr Herz ist zutiefst verwundet. Denken wir an die Kinder, die in Pakistan in der Schule von Fanatikern umgebracht wurden und deren Eltern und Geschwister und so viele andere Menschen unsagbar traurig sind. Die Verursacher dieser markerschütternden Aktion haben gezeigt, wie unmenschlich der Mensch sein kann.
Allein diese Tatsachen machen deutlich: Weihnachten bleibt Auftrag – es geht darum, im Blick auf den Mensch gewordenen Gott an der Menschwerdung der Menschheit mitzuwirken. Und hier darf die Kirche, dürfen wir nicht schweigen, sondern wir müssen den Finger in die Wunde legen und das uns Mögliche Wirklichkeit werden lassen. Denn was wir vorhin in der 3. Nokturn gesungen haben, ein Wort des Propheten Jesaja, mehr als 2700 Jahre alt und hoffungsgeladen, das soll allen Menschen zugesprochen werden, in dieser Nacht und alle Tage, jenes Wort, das uns aufhorchen lässt, das uns aufrichtet und neue Zuversicht verheißt, jenes alte Wort: „Das Volk, das im Dunkeln lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf.“ Amen.